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Der neue Falter: Im roten Bereich

Falter

Im roten Bereich

Laufhäuser, Sex ohne Kondom, Diskretion: In der Steiermark bekommen die Freier jedes Service, die Prostituierten keines.

Kein Eintritt, kein Türsteher, keine Fragen, nur ein Impuls und ein paar Schritte, und schon befindet sich der Kunde auf einem langen Gang. Er führt in gedämpftes Licht, unter den Füßen spürt man dicke Teppiche. Keine Bar, kein Zwang, teuren Sekt zu kaufen. Ein Maximum an Diskretion wird hier geboten. Es ist ruhig, nur aus ein paar Zimmern dringt verhaltenes Frauenlachen. Der Freier kann in Ruhe gustieren, an jeder Zimmertür kleben Name und Poster jener Frau, die das Zimmer gemietet hat, sowie Zusatzinfos über ihre speziellen Angebote. Aus einer großen Tafel ist abzulesen, welche anwesend und ob sie gerade besetzt ist. Wartende können in einer kleinen Loggia in tiefen Sofas versinken.

„Laufhäuser“ ohne Barbetrieb, die den Männern hohe Anonymität garantieren, erleben einen Boom. Fast alle der sieben Häuser in Graz sind in den letzten fünf Jahren aus dem Boden geschossen, erst im Vorjahr hat das „Casa-Nova“ in der Kärntnerstraße neu aufgesperrt und kürzlich jenes in der Zeillergasse ausgebaut. Das größte Grazer Laufhaus, jenes in der Lagergasse, hat wegen der großen Nachfrage letzte Woche ein zweites Obergeschoß eröffnet. Schon Wochen vorher fragten „Lauffreunde“ im Forum der Homepage nach, wann denn der Ausbau endlich fertig sei. Auf der Website kann man auch die neuen Zimmer reservieren: „Leuchtet das Zimmer rot, ist es bereits vergeben.“ Nur drei leuchten grün. Auf den Homepages werden ständig „neue Mädels“ präsentiert. Der Kunde ist Kaiser: Der Betreiber des Laufhauses Cosa-Nova weist darauf hin, dass es trotz der Öffnungszeiten von Montag bis Samstag, jeweils 10 bis 24 Uhr, „dazu kommen kann, dass nicht alle Damen jederzeit anwesend sind, da von den Damen die behördlich vorgeschriebenen Arztbesuche eingehalten werden müssen“.

In der Steiermark gibt es erstaunlich viele Bordelle – fünfzig sind es alleine in Graz, gut siebzig in den übrigen steirischen Bezirken. Rechtlich verfährt die Steiermark im Vergleich zu anderen Bundesländern „eher liberal“, sagt Renate Blum vom Wiener Lefö, einer Einrichtung für Frauen „in der Sexarbeit“. Doch das bedeute nicht, dass die Rechte der Frauen im Mittelpunkt stünden. Die Prostitution ist zwar in Wohnungen verboten, in angemeldeten Bordellen aber erlaubt.

Die meisten Grazer Prostituierten sind Anfang zwanzig und kommen aus Osteuropa. Wie Irina S., nur ist sie schon über dreißig und seit gut zehn Jahren im Geschäft. Sie verfügt auch im Deutschen über einen exzellenten Wortschatz und tritt sehr selbstbewusst auf. Wie sie erklärt, hat sie ihre Arbeit aus freien Stücken gewählt, weil in ihrer Heimat einfach zu wenig Geld zu verdienen war. Nach etlichen Jahren in Barsist Frau S. in ein Laufhaus gewechselt. Diese haben typischerweise tagsüber und bis in die frühe Nacht hinein offen. Die Freier kommen also während ihrer Arbeitszeiten und brauchen sich keine Erklärungen über ihren Verbleib zurechtlegen. Die längsten Schlangen stünden vor den Zimmern Transsexueller, erzählt Frau S.: „Manche wollen eine schöne Frau, die auch noch einen Penis hat.“

Es gibt in Graz aber auch ein Haus, in dem die Prostituierten anstehen müssen. Der Warteraum erinnert an eine Bushütte, alles muss flott gehen. Hier, am Grazer Gesundheitsamt, warten die Frauen jedoch nicht auf Männer, sondern auf Hilfe, die oft nicht geleistet werden kann. Die Frauen haben sich hier einer Untersuchung zu unterziehen, damit sie ihren „Deckel“ bekommen, den Ausweis, der ihnen bescheinigt, dass sie keine Geschlechtskrankheiten haben. Die Öffnungszeiten sind montags bis donnerstags von 9 bis 13 Uhr anberaumt. Zu einer Zeit, zu der viele Frauen direkt aus dem Dienst kommen und noch keine Stunde geschlafen haben. Die Gesundheitsbehörden der Bezirke haben nur den Auftrag, die Prostituierten wöchentlich auf Geschlechtskrankheiten zu untersuchen – im Sinne der „Volksgesundheit“, wie das Gesetz das nennt. Mit mehr kann sich Sozialarbeiterin Barbara Kleinhappl auch nicht aufhalten. Sie muss pro Woche rund 300 Frauen zu den Untersuchungen weiterschleusen.

„So jung sind Sie noch?“, murmelte Kleinhappl kürzlich, während sie Namen, Geburtsdatum und Herkunftsland eines neu angekommenen Mädchens in ihren Computer tippte. Die Rumänin war erst am Tag zuvor 19 geworden. Damit hatte sie gerade die Altersgrenze erreicht, ab der sie in der Steiermark legal anschaffen darf. Kaum hatte Kleinhappl dies ausgesprochen, brach die junge Frau in Tränen aus. Kleinhappl sagt: „Ich konnte sie kaum mehr beruhigen.“ Der mitgekommenen Freundin der Rumänin sagte die Sozialarbeiterin, sie möge sich doch um diese kümmern. „Viel mehr“, erklärt Kleinhappl, „konnte ich nicht für sie tun. Ich spreche ihre Sprache nicht, und hier steht die behördliche Arbeit im Vordergrund“.

Kleinhappl versucht seit ihrem Antritt vergangenen Herbst, frischen Wind in das Gesundheitsamt zu bringen. Gerade büffelt sie ein paar Brocken Ungarisch und mit zwei lateinamerikanischen Klientinnen hat sie ein wenig Spanisch zu lernen begonnen. Doch sie ist in Graz die einzige für die Prostituierten zuständige Sozialarbeiterin – und sie ist den Gutteil ihrer Zeit mit Verwaltungstätigkeiten beschäftigt. 992 Frauen betreute sie im Vorjahr. Andere österreichische Städte – etwa Wien und Linz – haben längst eigene Anlaufstellen für Sexarbeiterinnen geschaffen. In Graz jedoch muss Kleinhappl, wenn sie eine Übersetzung benötigt, andere Prostituierte um Hilfe bitten. Um Alkoholismus und Depressionen, die bei Prostituierten häufig vorkommen, kann sie sich kaum kümmern – sie behilft sich damit, sich mit anderen Einrichtungen zu vernetzen und die Frauen weiterzuverweisen.

Was den Alkohol betrifft, bieten die Laufhäuser auch den Frauen Vorteile: „Hier muss man die Kunden nicht zu einem Getränk überreden oder dazu, mit aufs Zimmer zu kommen“, sagt Frau S. Wie viele schätzt sie es, hier nicht saufen zu müssen: „In den Bars heißt es immerfort: trinken, trinken.“ Auch die Kunden sind soleichter zu handhaben – weniger Betrunkene, „keine jungen Männer, die gruppenweise kommen und herumprahlen, wer der Beste sei“. Üblicherweise zahlen die Frauen für die Appartements oder Zimmer in Laufhäusern fixe Mietpreise, und zwar zwischen 300 und 500 Euro die Woche, meint Karl Strohmeier von der Prostitutions- und Menschenhandelsabteilung der Kripo Graz. Selbstbestimmtes Arbeiten also? Naja, sagt Irina S. – bei manchen müsse man das Zimmer weiterzahlen, auch wenn man es für längere Zeit nicht brauche. Im Wesentlichen könne man sich aber über das Geld, das übrig bleibt, „nicht beklagen“. Allerdings seien „Zuhälter“ nach wie vor ein Riesenproblem. Wie sie erzählt Strohmeier, dass die Ausbeuter in Graz inzwischen nicht mehr in erster Linie unter den Bordellbetreibern zu suchen seien. Häufig handle es sich um „Freunde“, die oft aus denselben Ländern wie die Frauen oder mit diesen gemeinsam kommen. Viele liefern also an zwei Leute Geld ab.

Die meisten Prostituierten arbeiten freiwillig. Das sagen zumindest die Sozialarbeiterin Kleinhappl als auch der Verein Lefö und die Kriminalpolizei. Doch die Grenze zur Zwangsprostitution ist manchmal schwer zu ziehen, wie Kleinhappl sagt. Oft sei Druck im Spiel.Wie Kleinhappl erzählt, warten etliche Lokalbetreiber vor dem Gesundheitsamt auf die Frauen, damit diese möglichst mit niemandem sonst reden. Oft kämen noch Sprachprobleme dazu: „So ist ihr Aktionsradius sehr klein.“

Auch in der Steiermark tauchen immer wieder Fälle von erzwungener Prostitution und Irreführung auf. Im Gesundheitsamt erschien einmal eine Frau, die „sich weigerte, für die Untersuchung ihre Unterhoseauszuziehen“, erzählt Kleinhappl. Wie sich herausstellte, meinte sie, in einem Spital zu sein, und hatte keinen Schimmer, dass sie im Begriff war, sich als Sexarbeiterin zu registrieren. Kleinhappl rief die Kripo. In einem anderen Fall soll ein HTL-Lehrer rund fünfzig Moldawierinnen an österreichische Bordelle vermittelt haben, viele gaben zu Protokoll, man habe ihnen gesagt, sie würden hier als Putzfrauen, Küchenhilfen oder Animierdamen arbeiten. Von Gewalt und Menschenhandel betroffene Frauen seien vorwiegend in der – illegalen – Wohnungsprostitution zu suchen, sagt Kripo-Mann Strohmeier: „Dort kann man eher Druck auf die Frauen ausüben, indem man ihnen sagt: Was du tust, ist verboten.“

„Doch vieles kommt nie ans Tageslicht“, sagt Manfred Flicker, Ermittler der steirischen Kripo-Abteilung für Schlepperei, Menschenhandel und Prostitution – und zwar schlicht deshalb, weil bei Weitem zu wenige Beamte finanziert werden. Seine Gruppe besteht aus nur sieben Leuten – „drei für Schlepperei, drei für das Rotlicht und einer für Scheinehen“. Das reicht gerade, um pro Jahr fünf größeren Fällen nachzugehen. Dabei wäre ohne weiteres auch für „zwanzig Leute“ genug zu tun. Zumal die Beamten gerade in diesem Metier oft durch die Lokale ziehen müssen, damit sie überhaupt je etwas gesteckt bekommen und sich eine Vertrauensbasis erarbeiten. Flicker und seine paar Mannen, die die ganze Steiermark abklappern sollen, können freilich pro Bezirk nur selten auftauchen. Die Routinekontrollen in den Bordellen außerhalb von Graz sind an „Rotlichtermittler“ ausgelagert – Uniformierte, die in den Inspektionen Rundumdienst machen und nur kurz für das Rotlicht eingeschult werden.

Und hat die Kripo eine traumatisierte Frau vor sich, weiß sie nicht, wohin mit ihr. Einzig an den Wiener Lefö kann sie sich wenden, der betroffenen Frauen Wohnungen anbietet und sie betreut. Auch in der Steiermark würden solche Zufluchtsstellen benötigt, sagt Kripobeamter Flicker: „Wir müssen die Damen ja sehr kurzfristig unterbringen.“

Der Kriminalbeamte Strohmeier ist seit zehn Jahren im Milieu unterwegs, und seine Grazer Kripo-Gruppe kann anders als die steirische Rotlicht-Abteilung auch die Routinekontrollen in den Lokalen selbst durchführen. Die Frauen können gut mit ihm, und er kennt ihre Nöte: Verwaltungsstrafen, die sie nicht zahlen können. Vergewaltigungen. „Die Frauen wissen einfach nicht, wohin sie gehen sollen. Oft komme ich mir vor wie ein Sozialarbeiter“, sagt der Polizist.

Und auch Kleinhappl steht oft genug an. Zu viele Frauen bräuchten intensive Begleitung. Zusätzlich zu Alkoholismus kämpften viele Prostituierte mit Untergewicht und anderen Essstörungen. In Gesundheits- und Verhütungsfragen stellt sie oft eine enorme Ahnungslosigkeit fest. Viele Klientinnen seien in Österreich nicht versichert. „Und Kondome zu verwenden ist nicht für alle selbstverständlich.“ Bei manchen aus Unwissenheit, und „einige geben zu, dass sie das tun, wenn der Kunde nur genug zahlt“.

Viele Frauen reden ständig vom Aufhören. „Ich kann keinen Männerkörper mehr ertragen“, sagt etwa eine Ungarin immer wieder. Aber wohin mit ihr? Zum Arbeitsamt? „Das ist aussichtslos. Um das alles abdecken zu können“, seufzt Kleinhappl, „bräuchte ich ein multiprofessionelles, externes Team“. „Eine ganzheitliche, niederschwellige Beratungsstelle“ empfiehlt der Lefö. Außerdem, meint Irina S., sollten Sozialarbeiterinnen von sich aus zu den Frauen in die Lokale gehen, denn „es dauert lang, bis man deren Vertrauen gewinnt“.

Fast alle regierenden Politiker scheinen sich um das Problem kaum kümmern zu wollen. Ex-Polizist und Gesundheitslandesrat Helmut Hirt war zwar früher in der Wachstube Griesplatz stationiert, auf Anfrage wusste er aber nicht einmal, dass es in der Steiermark keine Beratungsstellen für Prostituierte gibt: „Wenn das stimmt, dann müssen wir etwas unternehmen.“ Ein Sprecher meinte später: Zuständig sei die EU, die auch das Linzer Projekt finanziere. Die Grazer KPÖ-Stadträtin Wilfriede Monogioudis ließ beim Gesundheitsamt kleinere räumliche Verbesserungen vornehmen und beschäftigte kurzfristig eine weitere Sozialarbeiterin in geringfügigem Ausmaß. Sie suche zwar nach einer kleinen Unterstützungsmöglichkeit, ansonsten bleibt sie dabei: „Wir haben kein Geld.“ Frauenlandesrätin Bettina Vollath (SPÖ) ließ das Angebot an Frauenberatungsstellen in der Steiermark untersuchen und kam auf Anfrage zum Schluss, „dass für diese Zielgruppe Bedarf besteht und das natürlich Berücksichtigung findet“. Der Zeithorizont: noch offen. Seitens der ÖVP kann sich Klubobmann Christopher Drexler, wenn man ihn fragt, vorstellen, eine Beratungseinrichtung zu unterstützen. Ein größeres Projekt angeleiert hat in den letzten Jahren nur SP-Stadträtin Tatjana Kaltenbeck, für längere Zeit brachte sie jedoch keine Finanzierung durch. Aktuell plane sie wieder etwas.

Frau S. sitzt in der Laufhaus-Küche, sie nippt an ihrem Kaffee. In ein paar Jahren möchte sie eine Familie und ein eigenes Geschäft aufziehen, mit etwas ganz Anderem, das nichts mit Sex zu tun hat. Bis alles auf Schiene ist, empfängt sie eben noch Kunden, die bis in die „gehobenen Kreise“ reichen. Wer das ist? S. sagt: „Prominente aus dem Showbusiness, Geschäftsmänner, Politiker.“

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Einen weiteren Bericht über das Laufhaus in Graz findet Ihr hier 

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