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Kobern wie auf dem Balkan - in Hamburg


Kobern wie auf dem Balkan

In St. Georg geht die Polizei mit gezielten Kontrollen gegen osteuropäische Prostituierte vor, die zurzeit vermehrt im Viertel arbeiten. Razzien beeinträchtigen die Arbeit der Streetworker erheblich

Die Polizei mischt zurzeit verstärkt die Prostituierten-Szene in St. Georg auf. Zwei, drei Mal in der Woche werden umfangreiche Personenkontrollen durchgeführt. Im Visier sind vor allem Frauen aus Rumänien und Bulgarien, die vermehrt im Viertel anschaffen gehen. “Es liegt von Anwohnern eine hohe Beschwerdelage vor”, bestätigt Polizeisprecherin Sandra Levgrün, “sodass momentan verstärkt Maßnahmen durchgeführt werden.”

Der Wandel in St. Georg schreitet voran. Viele Eigentumswohnungen haben in den letzten Jahren zu relativ günstigen Preisen den Besitzer gewechselt. Nun dingen viele Neu-St.-Georgianer darauf, dass sich auch das Umfeld der veränderten Sozialstruktur anpasst. Dabei wurde selbst Innensenator Udo Nagel um Hilfe gebeten, der im August ins Quartier eilte. Prompt begangen die Razzien. Dass Nagel selbst die Maßnahme angeordnet habe, bestreitet sein Sprecher Marco Haase aber. “Er hat sich die Beschwerdelage schildern lassen”, sagt Haase. “Taktische Maßnahmen überlässt der Senator immer noch der Polizei.”

In St. Georg sollen momentan 130 osteuropäische Frauen als Prostituierte tätig sein, die sich als EU-Bürgerinnen legal in Hamburg aufhalten. “Es soll Beschwerden gegeben haben, dass die Frauen andere Formen des Koberns praktizieren, die wohl viele Männer als aggressiv empfinden”, berichtet Gudrun Grib vom Verein Ragazza, der drogenabhängige Sexarbeiterinnen betreut. Das sei kulturell begründet, da in den Herkunftsländern eine andere Form der Kontaktaufnahme gepflegt werde.

Die Personenkontrollen würden systematisch durchgeführt, sagt Grib. “Jede Frau, die nur im Ansatz so aussieht, wird kontrolliert.” Anschließend werden auf der Basis der umstrittenen Sperrgebietsverordnung Bußgelder verhängt. “Durch Razzien wird die Arbeit der Streetworker beeinträchtigt und die ganze Szene verunsichert”, kritisiert Emilija Mitrovic vom Projektbüro Prostitution der Gewerkschaft Verdi. Dies bestätigt auch Grib. Ragazza-Mitarbeiterinnen seien jede Woche mindestens 14 Stunden auf der Straße, berieten die Frauen und verteilten Kondome - nicht nur an Drogenabhängige. “Neuerdings müssen wir feststellen, dass die Frauen nicht mehr mit uns reden wollen”, sagt Grib. Denn wer sich von Streetworkern beraten lässt, ist sofort als Prostituierte geoutet.

Die Lage im Stadtteil war mittlerweile Thema beim “Ratschlag Prostitution”. Dort haben eingeladene Milieu-Polizisten beteuert, dass sich die Maßnahmen rein gegen die osteuropäischen Frauen richteten, man sich zugleich aber gegen den Vorwurf des Rassismus verwahre. “Die Polizeimaßnahmen sollen fortgesetzt werden, bis sich das Thema entschärft hat”, sagt Grib. “Lösen lassen wird es sich nie.”

taz

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