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Anal-yse Amsterdam Rotlicht geht aus

Amsterdams Rotlicht geht aus

Der Politologe Hendrik Wagenaar erklärt im STANDARD-Gespräch, warum die nieder­ländische Politik damit die Kontrolle über die Prostitution ganz aus der Hand gibt

Die Stadtregierung sperrt die bekannte Sündenmeile zu. Politologe Hendrik Wagenaar im Gespräch mit András Szigetvari.

STANDARD: Die Stadt Amsterdam argumentiert die Schließung des berühmten Rotlichtbezirkes mit dem Frauenhandel und der Kleinkriminalität in dem Distrikt. Stimmt das?

Wagenaar: Die Geschichte beginnt schon im Jahr 2000. Damals verabschiedete das niederländische Parlament ein Gesetz, das neben der ohnehin legalen Prostitution auch das Betreiben von Bordellen legalisierte. Dadurch sollten den Prostituierten grundlegende Arbeitsrechte gesichert werden, die Prostitution sollte von anderen illegalen Aktivitäten wie Drogenkonsum und Menschenhandel getrennt werden. Aber diese Ziele wurden nicht erreicht. Die meisten Städte wollten keine zusätzlichen Lizenzen vergeben, also blieb der Markt in der Hand der Kriminellen, die Frauen blieben weiter in unregulierten Arbeitsverhältnissen. Und mit Ausnahme der Steuerbehörde überprüfte niemand die Bordelle, weil Prostitution für die Verwaltung ein unangenehmes Thema ist. Hinzu kam, dass unsere Grenzen seit 2002 für Osteuropäer durchlässiger wurden. Frauen kamen aus Bulgarien und Rumänien, um in Holland als Prostituierte zu arbeiten.

STANDARD: Deswegen räumt die Stadtverwaltung auf?

Wagenaar: Ja. Interessanterweise wird mit einer administrativen Praxis gegen den Rotlichtbezirk vorgegangen: Die Vergangenheit von Personen, die in diesem sensiblen Bereich ein Gewerbe betreiben wollen, wird rigide durchleuchtet. Dabei stellte sich etwa heraus, dass einer der größten Eigentümer von Fensterbordellen in Amsterdam in Geldwäschegeschäfte verwickelt war. Also bekam er keine Lizenz mehr. Und das geht weiter: Die meisten der Fensterbordelle werden im Laufe des Jahres schließen müssen. Es muss nicht alles zusperren, aber die Stadt will den Bezirk unweit des Zentrums säubern und verkleinern.

STANDARD: Was geschieht mit den Sexarbeiterinnen?

Wagenaar: Die Stadt schließt die Bordelle, bietet den Frauen aber keine Alternativen. Die Frauen werden das Gewerbe weiterhin ausüben, aber unter Umständen, die es der Polizei viel schwieriger machen, ihr Wohlbefinden zu überwachen. Die Hotelprostitution nimmt bereits ebenso wie die Prostitution über Internet zu, was die Arbeit der Zuhälter einfacher macht.

STANDARD: Gibt es eine Alternative zum Schließen des Rotlichtviertels?

Wagenaar: Es müsste darum gehen, eine saubere Form der Prostitution zu schaffen. Also Leute wie Exprostituierte ins Geschäft zu bekommen, die aus dem Gewerbe nicht nur Geld ziehen wollen. Die Prostitution sollte sich in der Nähe urbaner Unterhaltungszentren, bei Bars und Discos abspielen. Das Nachtleben wird ohnehin immer sexueller konnotiert, und auch in Discos und Bars wird letztlich manchmal für sexuelle Kontakte bezahlt. In diesen Vierteln könnten also Stundenhotels eingerichtet werden. Das hat niemand jemals ernsthaft versucht. Damit kann zwar nicht das ganze Gewerbe organisiert und kontrolliert werden, aber doch ein großer Teil davon.

(András Szigetvari, DER STANDARD - Printausgabe, 4. Jänner 2008)

Zur Person

Hendrik Wagenaar (57) ist Professor für öffentliche Verwaltung an der Universität Leiden in den Niederlanden. Dort leitet er das Forschungszentrum für moderne urbane Studien. Prostitution zählt zu Wagenaars Forschungsschwerpunkten.

Hochinteressante Analyse des Wissenschaftlers bezüglich
Governance und Prostitutionskontrolle

Einlassen auf demokratische Konsultationen (Deliberation) erzeugt soziales Kapital.

Doch in der Übergangsphase, bis sich eine neue politische Regelung etabliert hat, herrscht viel Unsicherheit und auch Fehlverhalten.

Deliberation kann nur als eine evolutionäre Strategie (schrittweiser Verbesserungen) zur Einführung neuer politischer Regeln funktionieren im Vergleich zu den herrkommlichen Methoden: Markt (in der Wirtschaft) und Hierarchie (in der politische Exekutive).

Umsichtige empirische Studien zur deliberativen Zusammenarbeit zeigen dass vergrößerte Sozial- und Erkenntniskapital: Vertiefte Kontakte mit Vertrauen und neue Beziehungen auf Gegenseitigkeit zusätzlich zu vertieften und einvernehmlichen Verständnis der Komplexität des beratenen Politikproblems.

(+) Increased social and cognitive capital is important in dealing with outcomes in a contingent policy world.
(-) Potentially, deliberative relationships create the cognitive, attitudinal and emotional preconditions for perceiving negative outcomes.

Doch bei dem Prozess der holländischen Prostitutionlegalisierung war der Deliberationsprozess fehlerhaft. Der kooperative Dialog war einseitig und unvollständig transparent.

SexarbeiterInnen, die Gruppe am meisten betroffen von den neuen Regularien, hatte nie eine Stimme im Beratungsprozess!!!!!!

War alles nur eine Farce?

Anhand von Hinweisen kann gesagt werden, dass die Absicht der Stadt Amsterdam die Prostitution einzudämmen und ein Lizensierungssystem einzuführen in Kombination mit ihrer dominanten Position im Deliberationsprozess, zu einem unvollständig offenen und nicht wechselseitigen Dialog geführt hat. Die Rolle der Stadt zeigte Aspekte von Instrumentalisierung des Netzwerkmanagements und sie benutzte ihre Macht um die andere Partei zur Unterordnung in mehreren Aspekten der beabsichtigten Regularien zu zwingen.

Die Robustheit oder Verletzlichkeit eines Deliberationsprozesses hängt ab von einer begleitenden Begutachtung der Offenheit und Gegenseitigkeit des politischen Dialoges.

Demokratische Deliberation ist nicht nur ein normatives Ideal, sondern vor allem ein Grundvoraussetzung zur Sicherstellung des sozialen und interlektuellen Kapitals eines demokratischen Gemeinwesens in einer zunehmend komplexen unvorhersebaren Welt.

Begriffe

Deliberation = partizipatives Konsultativ-Verfahren (Bürgerbeteiligung am polit. Prozess) siehe z.B. die Sexworker-Beratungen in wien.

Gegenteil: Bargaining = Macht-Handeln z.B. Markt oder Hierarchie.

Governance = Lenkungsstrukturformen der Triade Hierarchie, Markt und Netzwerk.

Schweigespirale (Elisabeth Noelle-Neumann 1970) schweigende Mehrheit entsteht, weil die Medien nur die gerade angesagte Minderheitenmeinung verkaufen)

Kommentar

Aber wie soll faire Deliberation also Konsultationen auf Augenhöhe und basierend auf Toleranz und Akzeptanz funktionieren, wenn dem noch so viel im Wege steht:

  • * Ehefrauen haben Angst vor den Huren
    * Feministinnen werten Prostitution als frauenzerstörend
    * Prostituierte werden zu oft als in ihrer Kindheit Mißbrauchte, Süchtige und Deviante verurteilt
    * Das hegemoniale Patriachat kontrolliert Frauen indem es sie in Ehefrauen und Huren spaltet
    * Freier gelten als alt, behindert, häßlich, unsozial oder Triebtäter, die sexuelle Sklaverei wissend in Kauf nehmen
    * Wirtschafter, Betreiber und Mänager gelten als Zuhälter und Menschenhändler
    * Sexarbeit wird intrinsisch als seelenzerstörend und ekelerregend angenommen, statt zu erkennen, daß es die Umstände sind
    * Prostitutionskontrolle und Kriminalisierung beginnen bei Stigma und Doppelmoral
    * …

[soweit die Stimme eines Sexarbeiters]

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gelesen: 3064 · heute: 3 · zuletzt: 7. February 2012

2 Kommentare zu “Anal-yse Amsterdam Rotlicht geht aus”

  1. hanna h.

    Hallo Marc,

    interessanter Artikel. Habe ein Wort neu gelernt: Deliberation.

    aber eine Frage hätte ich in dem Zusammenhang. In dem Artikel steht:
    “Deliberation kann nur als eine evolutionäre Strategie (schrittweiser Verbesserungen) zur Einführung neuer politischer Regeln funktionieren im Vergleich zu den herrkommlichen Methoden: Markt (in der Wirtschaft) und Hierarchie (in der politische Exekutive”

    ich verstehe die Bedeutung der Deliberation für den politischen Diskurs. Im Grunde ist das wieder ein bischen wie die Einführung von Elementen der direkten in die repräsentative Demokratie durch mitspracherechte der Betroffenen/Kompetenten. Mit der von dir beschriebenen Schwäche daß die “Macht” ja die Diskursteilnehmer selektiert.
    aber was hat Deliberation mit “Markt” zu tun?

    Frage einer lesenden Sexarbeiterin

    lg

    Hanna

  2. Zwerg

    Amsterdam will Kriminalität eindämmen

    Erstellt 06.12.08, 13:49h

    Amsterdam will sein berühmtes Rotlichtviertel sanieren und die Zahl der Prostituierten-Schaufenster und Coffeeshops halbieren. Es werde weiterhin Raum für das Sex-Geschäft und die Coffee-Shops geben, allerdings an kontrollierbaren Orten, teilte die Stadt weiter mit.

    Das Amsterdamer Rotlichtviertel bei Nacht: Hier soll sich einiges verändern.
    Bild

    AMSTERDAM -Das historische Stadtzentrum solle sicherer, schöner und lebenswerter werden, erklärte die Stadtverwaltung am Samstag bei der Vorstellung ihres Plans für den Rotlichtbezirk und die angrenzenden Stadtviertel. Binnen zehn Jahren solle die Zahl der Schaufenster, in denen Prostituierte ihre Dienste anbieten, von 482 auf 240 halbiert werden. Auch von den 76 in der Innenstadt gelegenen Coffee-Shops, in denen Cannabis verkauft werden darf, soll die Hälfte geschlossen werden.

    Es werde weiterhin Raum für das Sex-Geschäft und die Coffee-Shops geben, allerdings an kontrollierbaren Orten, teilte die Stadt weiter mit. Prostitution und Coffee-Shops sollten das Gebiet nicht mehr dominieren, sie seien “zu massiv” geworden, sagte der stellvertretende Bürgermeister Lodewijk Asscher der Nachrichtenagentur AFP. “Dies ist eine notwendige Korrektur.”

    Bordelle, Sex-Shops, Coffee-Shops und weitere Geschäfte, in denen weiche Drogen verkauft werden, seien ein Nährboden für Kriminalität, hieß es in dem Plan der Stadt weiter. Einige Einrichtungen dienten der Geldwäsche. Auch Frauenhandel und Drogenkriminalität seien ein Grund für die neue Strategie.

    Für bis zu 50 Millionen Euro sollen aus ehemaligen Bordellen Büros, Wohnungen, Cafés und Gallerien gemacht werden. Insgesamt wird das neue Konzept für den Rotlichtbezirk mehrere hundert Millionen Euro kosten. Die Stadt hofft dabei auf private Investoren.

    Die Pläne für Amsterdams Rotlichtbezirk sind das jüngste Beispiel für eine Verschärfung des traditionell liberalen Umgangs in den Niederlanden mit Themen wie Prostitution und weichen Drogen. Anfang Dezember wurden Anbau und Verkauf halluzinogener Pilze, der sogenannten Magic Mushrooms, für illegal erklärt.

    (AFP)
    http://www.ksta.de/html/artikel/1228515324098.shtml

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