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Leitbild der Primärprävention

für Frauen, Männer und Transsexuelle, die im Bereich Sexwork und Paysex sexuelle Dienstleistungen anbieten und konsumieren.


Erarbeitet von Marc
nach einem Konzept von SP5/manCheck.eu

Die Primärprävention für Frauen, Männer und Transsexuelle, die professionell Sex anbieten oder nachfragen, arbeitet nach den Prinzipien der strukturellen Prävention.

Strukturelle Prävention zielt auf eine Verknüpfung von Verhaltens- und Verhältnisprävention ab.

Strukturelle Prävention ist erforderlich, weil die individuellen Verhaltensmöglichkeiten von Personen stets maßgeblich von ihren Lebensumständen geprägt sind. Der Abbau von gesellschaftlichen und umfeldbedingten Benachteiligungen von Sexarbeitern und Paysexkunden und die Förderung der Solidargemeinschaft und Emanzipation von SexdienstleisterInnen ebenso wie gesellschaftliche Akzeptanz und ein Coming-out von Sexworkern und Paysex-Kunden stehen somit im Zentrum der Präventionsarbeit.

Vor jeder Infektion stehen das Infektionsrisiko und damit die Aufgabe, ungewollte Neuinfektionen vermeiden zu helfen. Das Prinzip der strukturellen Prävention trägt der Tatsache Rechnung, dass Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention wie Glieder einer Kette ineinander greifen. Je rascher ungewollte Neuinfektionen zunehmen, d.h. je schwächer das erste Glied der Präventionskette ist, umso größer wird die Last, die auf das zweite und dritte Kettenglied einwirkt. Bricht das erste Glied, so droht eine Kettenreaktion der Nachsorgeüberforderung. Deshalb gebührt der Primärprävention der erste Rang.

Die Zielgruppe Menschen im Sexbiz stellt nach wie vor eine bekannte Risikogruppe von HIV/AIDS und STI/STD dar. Sie sind diejenigen, die gleichmäßig gefährdet bzw. riskiert sind. Die Mittel der Primärprävention richten sich an alle Erreichbaren, sei es an den realen, clandestinen oder den virtuellen Orten, ungeachtet, ob sie negativ, positiv, gesund, infiziert, krank oder ungetestet sind.

[Der Primärprävention von Hilfseinrichtungen für das Sexbusiness liegt zugrunde, dass in Großstädten wie Wien, Zürich, Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln und München die Zahl der HIV/STI-Erstdiagnosen und die Zahl der mit HIV/AIDS und STI/STD lebenden Menschen am höchsten ist, sowie vergleichbare Szenestrukturen und prostitutive Infrastruktur vorhanden sind.]

Ziele

Wir wollen die Gesundheit von Menschen, die sich in den kommerziellen Sexszenen begegnen, erhalten und fördern.
Dies wollen wir erreichen, indem wir die Zielgruppen mit Informationen versorgen, um die individuellen Handlungskompetenzen zu stärken und informierte Entscheidungen zu ermöglichen.

Die Förderung eines nachhaltigen Schutzverhaltens bei Sexarbeitern und Paysexkunden mit dem Schwerpunkt auf epidemiologisch wichtige Kontaktsituationen (Situationen mit hohem Infektionsrisiko) und die Erhöhung der Motivation von Sex-anbieterInnen und -nachfragerInnen, sich vor einer HIV-Infektion und STIs zu schützen, ist der Kern der Arbeit.

Aufgabe ist es, Raum für eine offene Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Widrigkeiten des persönlichen Risikomanagements zu schaffen, um eine eigene Balance zwischen Selbstschutz- und Selbstverwirklichungsinteressen zu finden.

Haltung

Unsere Handlungen und Interventionen achten stets die Würde des Menschen, sein Recht auf Emanzipation, seine Anonymität und seinen kulturellen Hintergrund.
Die Freiheit eines Menschen endet dort, wo er die Freiheit eines anderen einschränkt, die Schwäche eines anderen ausnutzt oder das Vertrauen eines anderen missbraucht.

Selbstbestimmung und somit die Entfaltung persönlicher Potenziale in den Lebens- und Arbeitsbereichen Sexualität und Gesundheit, werden von uns geachtet.
Gesundheit ist für uns mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit, denn wir verstehen diese als selbstbestimmte Verfügung des Einzelnen über seine Lebensumstände und selbstbestimmt gewählte Berufstätigkeit.

Lebensweisenakzeptanz beinhaltet, die Differenz von Lebensweisen zu respektieren und offensiv zu nutzen. Unsere Aktionen sind lustbetont, lebensbejahend und nicht moralisierend. Wir wollen überzeugen, nicht bekehren. Wir kontrollieren und sanktionieren nicht und weisen keine Schuld zu. Wir lehnen jede Form von Zwang und Verboten ab, weil wir wissen, daß sie Heimlichkeiten provozieren und damit Risiken erhöhen.

Arbeitsgrundlagen

Unsere Arbeit verfolgt stets einen partizipativen Ansatz: Die Einbindung von Alltagsexperten in Entscheidungs– und Willensbildungsprozesse. Die Kopplung und finanzielle Ausstattung von ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitern wird dabei als notwendig angesehen [Peer Involvement]. Die Einbeziehung der Menschen ebenso wie die kommerziellen Strukturen sind wichtige Teile dieses partizipativen Ansatzes.

Schlüssel für eine erfolgreiche primärpräventive Arbeit ist Personalkommunikation. Unsere Aktionen sind daher darauf angelegt, die Kommunikation innerhalb der professionellen Sex-Szene zu fördern. Wir stellen durch unsere Präventionsarbeit mit ehrenamtlichen Mitarbeitern, Spendern und Förderern über unterschiedliche Multiplikatoren [Peer Education] unsere Angebote für die Zielgruppen zur Verfügung. Unsere Präventionsmaßnahmen sind längerfristig, breit gefächert und auf Nachhaltigkeit angelegt. Sie orientieren sich an den Bedarfen und den Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe.

Kenntnisse der Lebens- und Arbeitswelten von Frauen, Männern und Transsexuellen, Kompetenz bei Gesundheitsthemen, Kreativität und Motivation sind durch Fachlichkeit und Koordination von hauptamtlichen Mitarbeitern zu unterstützen. Wir handeln nach professionellen Grundsätzen offen, akzeptierend und reflektierend.

Die lokale, landes-, bundesweite bis transnationale Vernetzung z.B. im deutschsprachigen Raum aber auch darüber hinaus mit Partnerorganisationen, Kooperationspartnern und sozialen Trägern ist auszubauen. Sie unterstützt die breite Streuung der relevanten Themen langfristig und hilft, zeitnah auf aktuell relevante Ereignisse schnell und zielgerichtet zu reagieren.

 
 
 
 
 
 
 
 
 

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