Prostitution ist eine Dienstleistung
Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand.
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. Sich für Geld eine Gegenleistung zu erwarten, ist eine legitime Sache. Zahle ich in der Fahrradwerkstatt stolze 60 Euro, will ich Reifen, die es mir nicht schon im darauf folgenden Winter um die Ohren haut, und drück ich dem Pizzalieferanten zehn Euro in die Hand, verlange ich mindestens, dass die Pizza noch warm ist.
Um auf Gegenleistungen zurück zu kommen: Mit Prostitution verhält es sich genauso. Ein paar bieten, was ein paar andere dringend benötigen. Denn Sex ist eine Dienstleistung wie Autoreinigung oder Haareschneiden auch. Die Frauen machen das freiwillig, verdienen so viel Geld, wie eine Friseurin nie verdienen würde, und als ältestes Gewerbe der Welt kann Prostitution so schlecht nicht sein. Na fein, Frauenverkauf ist also mit einem Friseurbesuch aufzuwiegen und das Leben ist schön.
Der Bordellbesitzer ist der Meinung, „Geldgier, Nymphomanie und Faulheit [sei] bei allen Huren“ vorhanden und betont – blauäugig oder falschzüngig –, dass sich heute „kaum eine Frau – wie etwa nach Kriegsende – noch zwangsprostituieren“ müsse. Derartige Kleingeistigkeiten werden in Männer-Lifestyle-Zeitschriften propagiert und als Rechtfertigungsfolie für eigenes Handeln missbraucht.
„Soll Frau Schwarzer noch vom Sterbebett aus schreien, alle Prostituierten würden ausgebeutet und kopulierten unfreiwillig. Wir wetten: Viele Telekom-Mitarbeiter sind unzufriedener mit ihrem Job.“ Und wie so oft muss sie auch bei diesem Einführungskurs in die wohlgefällige Prostitution als Negativbeispiel herhalten: Die Anti-Frau Alice Schwarzer. Wofür aber dieses Herbeizerren einer einzelnen Person (die für das Ganze steht)? Ganz einfach: Durch die Personalisierung verfällt „das Ganze“ (hier: die Verurteilung der Umstände, die Prostitution schaffen) zu einer possierlich schwachsinnigen Idee, gesellschaftspolitische Begründungen verkommen zu einem Witz. Aber betont werden muss:
Neun von zehn Prostituierten sind Ausländerinnen. Denn entgegen romantisiertem Wunschdenken ist es nicht das Hobby Sex, sondern sind soziale Missstände im Herkunftsland (Arbeitslosigkeit, Armut), Menschenhandel („Trafficking“), falsche Versprechen (Arbeitsplatzbeschaffung im reichen Ausland) und falsche Hoffnungen (der Frauen) jene Faktoren, die „Sexarbeiterinnen“ akquirieren. Und nicht zu vergessen, die Nachfrage schafft den Markt: Zwei von drei Männern nehmen die „Dienstleistung“ Prostitution in Anspruch.
In der österreichischen Gesetzgebung verstößt Prostitution zwar „gegen die guten Sitten“, ist aber (anders als in Schweden, wo der Freier sich strafbar macht) legal. Mit dem gesellschaftlichen Konsens wird ein Weltbild geschaffen, das sich dem in patriarchalischen Strukturen erprobten Mann stetig anpasst. Es herrscht die egalitäre und euphemistische Meinung, Prostitution gehöre zur Gesellschaft wie die Straßenbahn zur Großstadt. Doch es ist wichtig, das Wort „Prostitution“ in zwei Variablen aufzulösen: In die Prostituierte – diese ist gesellschaftliche Außenseiterin und (wenn migriert doppelt) geächtet. Und in den Freier – dieser ist gesellschaftlich integriert, meist unsichtbar, ist Vater, Bruder, Lebensgefährte.
Dass Prostitution neben Drogen- und Waffenhandel der Big-Player im (männlich motivierten) Geldgeschäft ist, bleibt jenseits der Scheuklappen. Vom hohen Einkommen ist die Rede, und dem ältesten Gewerbe. Dass das Einkommen durch Sex im Akkord zwar verdient, aber in den meisten Fällen an Zuhälter oder Bordellbetreiber(innen) abgeführt werden muss, bleibt außer Acht. Und wenn gesagt wird, es sei sinnlos, das älteste Gewerbe der Welt zu verbieten, sagt Alice Schwarzer: „Das hat man früher auch über die Sklaverei gesagt – und sie ist heute selbstverständlich verboten.“ Und der Ro– sagt: „Prostitution hat mit Macht zu tun.“ Und ich? Ich sage: Wer Prostitution (im Sinne von Freiertum) okay findet, hat ja schon mal einen Berufsvorschlag für die eigene Tochter. ![]()
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